Kategorien
Kultur

Rezension: „Penelope, Die“ – Penelope rettet die Welt

Die Abschlussinszenierung „Penelope, Die“ unter Regie von Maike Schuster im Forum an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg legt den Finger in die Wunde und zeigt Missstände in der Gesellschaft auf. Eine Musiktheaterproduktion, welche sich sehen lassen kann, einen sehr modernen Ansatz vermittelt und viele junge Menschen anzieht.

Zusammenfassend baut die Inszenierung auf die Monteverdi Oper „Die Rückkehr des Odysseus“ auf. Penelope, die Frau des Odysseus, eine Figur der griechischen Mythologie, wartet während ihr Mann in den Kampf um Troja zieht über 20 Jahre auf seine Rückkehr. Währenddessen versuchen Hunderte Freier Penelope zu verführen und somit ihre Treue mit Odysseus zu brechen.

„Penelope, Die“ setzt anders als die Monteverdi Oper Penelope in den Vordergrund. Es geht um ihre Perspektive, um ihr Leiden und um ihre Hoffnung. Die Regisseurin Maike Schuster stellt mit der Dramaturgin Jule Martenson eine emanzipierte, zum Nachdenken anregende Heldin in den Mittelpunkt. Penelope, die Hauptfigur, wird gesungen und gespielt von der Hamburger Kammersängerin Gabriele Rossmanith, welche durch ihre langjährige Erfahrung im Opernbetrieb die Expertise mitbringt, um so eine starke Persönlichkeit, Penelope, neuinterpretiert zu spielen.

Das Bühnenbild von Anton von Bredow betont die Nähe von Meer und Wüste, den Einfluss des Klimawandels und die geschichtliche Entwicklung von ehemals Küstengebieten in neue Wüsten im Laufe der Zeit. Das Bühnenbild fällt auf durch eine übergroße Betonröhre, welche an eine Pipeline erinnert. Plastikstühle auf dem oberen Rand des Bühnenbilds, welches für den Müll in den Meeren stehen kann. Und einer später hinzugefügten Wolke, eine Wolke, welche Fruchtbarkeit ins neue Land bringt. Eine Wolke, die die Rückkehr von Odysseus symbolisieren kann. Durch das passende Licht wandelt sich das Bühnenbild von einem fremden Planeten in eine trockene Wüste, wieder zurück in ein feuchtes, vielleicht auch ein Unter-Wasser-Gebiet. Die Flexibilität dieses Bühnenbilds ist überragend, die Interpretationsmöglichkeiten schier groß.

Die moderne Opernproduktion verzichtet auf Übertexte und gibt wertvolle Informationen, unter anderem über die aktuelle Situation in der Ukraine auf einem übergroßen Smartphone im Bühnenbild aus und ermöglicht hierdurch die Lenkung des Publikums in der Interpretation des Stücks. Durch die verschiedenen Schriftarten der Texte werden die verschiedenen Phasen des Wartens von Penelope verständlich gemacht.

Auch in dieser Inszenierung versuchen Freier*innen Penelope zu verführen. Drei Freier*innen gespielt und gesungen von Mascha Zippel, Malte Langenbeck und Hagen-Goarn Bornmann kommen in sehr auffälligen golden, glänzenden Kostümen in den Publikumsbereich. Sie begaffen Penelope. Sie betrachten sie wie in einem Terrarium. Sie tun das gleiche wie die Gesellschaft es immer tut, sie schauen zu. Doch kommen sie in der Mitte der Oper zum Zug. Ein Freier instrumentalisiert ein Mitglied aus dem neunköpfigen Orchester und Leitung von James Henshaw für seine Zwecke, zieht die Person aus dem Orchester und platziert die Person neben sich vor die Bühne, um Aufmerksamkeit von Penelope zu erlangen. Der Bruch, das Ensemble mit einzubinden, die Aufmerksamkeit von der Bühne vor die Bühne zu lenken, der sprech der Freier*innen herablassend und primitiv zeigt die immer noch vorhandene Dominanz der männlichen Vorherrschaft. Vom Geschehen, von der Erzählung einer Frau auf der Bühne durch mackerhaftes Verhalten abzulenken und sich selbst in den Mittelpunkt zu setzen, soll diese Problematik aufzeigen. Die Freier*innen selbst sind überspitzt dargestellt und haben alles an sich, was eine problematische, dominante männliche Person ausmacht.

Doch Penelope lässt sich davon nicht sonderlich beeindrucken. Penelope wartet, wartet auf die Rückkehr von Odysseus. In der Mitte des Stücks fährt eine Wolke über den Orchestergraben vor die Bühne und wird ungewohnt durch das Orchester in das Bühnenbild eingehängt. Penelope zerreißt die Wolke aus Verzweiflung auf der Suche nach Odysseus und findet einen Bogen. Den Bogen des Odysseus. Ein Lebenszeichen, doch taucht Odysseus nicht auf. Zumindest nicht sichtbar. Doch warum ist Odysseus Bogen in der Wolke? Die zerpflückte Wolke schwebt nun über der Bühne und beginnt sich abzuregnen. Auf was wartet Penelope eigentlich? Warum widersteht sie den Freiern? Was gibt ihr Hoffnung? Der Bogen ist da, doch von Odysseus fehlt jede Spur. Ist Odysseus die Wolke? Die Wolke, die neue Fruchtbarkeit in ein Land trägt, welches durch klimabedingte Trockenheit geprägt ist? Wartet Penelope sinnbildlich gesprochen auf die Rettung der Welt, also die Neu-Befruchtung des Bodens und widersteht deswegen den Freiern, bricht ihre Treue nicht und setzt sich selbst unter Qualen, um schlussendlich die Welt zu retten?

Die Inszenierung ist gelungen, nimmt aktuelle Themen auf, legt den Finger in die Wunde, spricht über das Patriarchat, stellt Konventionen im Opernbetrieb selbst in Frage und begeistert vor allem junge Zuschauer*innen und versucht ältere Zuschauer*innen zur Reflexion anzuregen.

Eine Inszenierung mit mehreren Deutungsebenen mit viel Spielraum für eine persönliche Interpretation dieser Inszenierung, anpassbar auf die vielen persönlichen Lagen des Lebens. Abschließend stellt sich die Frage, warum warten wir, auf was warten wir, wie lange warten wir und mit welchen Konsequenzen warten wir?

Eine Rezension von Joseph Rüffert, queer feministischer Kulturschaffender und Student an der TU Hamburg, welcher sich vermehrt mit Musiktheater auseinandersetzt, doch viele traditionelle Opern noch nicht gesehen hat.