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Poetry+Musik Presse

Um den Pokal geredet

Dinslaken. In Dinslaken und Umgebung mag man es offenbar, wenn viele Worte gemacht werden. Die Kostbar – das kleine Café auf der Duisburger Straße mit wachsendem Kulturprogramm – platzte bei „Poetry + Musik“ am Freitag aus allen Nähten. Fünf Poetry Slammer redeten nicht um den heißen Brei, sondern um den goldenen Wanderpokal. Eine der Neuerungen, die Initiator und Organisator Joseph Rüffert aus der Sommerpause mitbrachte.

Dass er übrigens auch selbst ein geschickter Hochseilakrobat zwischen den Zeilen ist, bewies der 18-Jährige mit seinem Impro-Slam nach der Pause. Aus den Publikumszurufen „Metzgerei“, „Gartenzwerg“, „Einhornmelkmaschine“ und „Bärenkatapult“ einen ernsthaften, engagierten Appell gegen die Gleichgültigkeit gegenüber der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer zu machen, alle Achtung!

Und gleiches gilt auch für das Teilnehmerfeld um den Wanderpokal. Den nimmt bis zum nächsten „Poetry + Musik“ Anita Decker mit nach Hause. Die Dinslakenerin mit Bühnenerfahrung im Jugendclub der Burghofbühne überzeugte das Publikum mit „etwas ganz persönlichem“ – ihrer neuen Zahnbürste. Weil es eigentlich für sie beim Discounter um die Wurst gegangen sei, dort aber im Regal verirrt, vergessen und so schön eine Zahnbürste gelegen hätte – Model „Hello Kitty“. Die alte Bürste zuhause wird vor Eifersucht zugrunde gehen.

Sehr persönlich, allerdings auf einem ernsthaften Level, auch die Beiträge der zweitplatzierten Lena Richartz. Die 15-Jährige aus Oberhausen, nach eigenen Angaben „in Selbstzweifeln hochbegabt“, hinterfragte gängige Schönheitsideale („wer sagt, dass normal nicht variierbar ist?“) und trug vor, was Familie und Nachbarn ihr über die Definition von Liebe sagten, denn „die Leute, die Gefühle zeigen, sind die stärksten von uns allen“.

Paula Heddenhausen hinterfragte Globalität und kulturelle Vielfalt anhand eines Cappuccino Frappés. Gillian Kurz verbrachte eine Französischstunde als Lama und Franz Görtz, mit 68 Jahren der älteste Teilnehmer, hielt eine bitterböse „Ode  an den Wahlkampf“.

Aber Worte sind nicht alles. Das gilt auch für „Poetry + Musik“. Zwischen jedem Textbeitrag gab es Musik von The Madcaps. Eigentlich ein Duo in der Besetzung Gesang/E-Gitarre und Schlagzeug, in der Kostbar trat Sängerin Holly Hellrose solo auf. Ein Akustikset. Aber die Dynamik des selbst geschriebenen Materials und Hollys Stimme, in der Technik und Ausdruck in bemerkenswerter Balance liegen, ließen keinen Zweifel: Diese Songs rocken.

Anita Decker und der „Qualifikant“ der offenen Slam-Runde vom Freitag, Björn Biermann, werden beim nächsten „Poetry + Musik“ dabei sein, Moderator Tim Percovic dagegen nicht mehr. Er übergab den Staffelstab am Ende der Veranstaltung an seinen Nachfolger.

Quelle: NRZ